Die Kraft des Leisen

Darüber ist schon viel geschrieben, nachgedacht, gefilmt und auch geredet worden.

Ich möchte euch an dieser Stelle jedoch zu einem kleinen Experiment einladen – doch zuvor möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen:
Vielleicht habt ihr es ja ähnlich erlebt, ihr wart ja auch mal ‚klein‘. Und ein ‚Großer‘ hat euch gesagt ‚wie es geht‘. In meinem Fall denke ich an eine Situation wo es geheißen hat: „Denk nach, bevor du sprichst.“ Und dann, ich braves Kind, hab ich das mehr oder weniger glücklich immer wieder mal probiert. Ich fand das auch klug – und ich wollte klug sein. Nur, in der Regel ist mir das nicht gelungen. Ich hab trotzdem was rausgeplatzt oder – das andere Extrem – ich wusste gar nicht, was ich ’nachdenken‘ sollte… Ich empfand das alles ganz schön schwierig, gar nicht aufbauend und fühlte mich entsprechend.

Es war, wie ich heute weiß keine gute Strategie.

Wo kommt die Sprache her? Wie kommt es denn, dass, wenn wir mit beispielsweise Freunden beisammen sind, Worte kommen, sich zu Sätzen formen und mehr oder weniger Sinnvolles, Lustiges oder sogar richtig Gescheites daherkommt. Oft – beobachtet euch doch einmal selbst oder euer Gegenüber – passiert ein richtig kreativer Dialog in dem Ideen geboren, Engagement für konkrete Pläne oder Tröstendes zwischen euch, zwischen uns Menschen, geschieht. Ohne Mühe, intensiv und mit Leichtigkeit. Was geschieht da?

Es ist, wenn man ihn in kleine Stückchen zerlegt, ein hochkomplexer Vorgang der hier abläuft. Mit extremer Präzision werden Worte, Begriffe gesucht und gefunden, die etwas Bestimmtes sagen möchten. Und wenn ihr genau aufpasst merkt ihr, wie ihr manchmal nach dem richtigen Begriff sucht – ein richtiges Ringen. Und wenn er passt, dann fließt es weiter, der Redefluss… Und das Gegenüber – hört zu. Das ist oft so unter guten Freunden, dass der oder die andere einfach zuhört, Raum lässt, Zeit lässt…

Umgekehrt kann man das selbe auch am Gegenüber beobachten. Das sind dann so Gespräche wo man hinterher sagt: Das war ein gutes Gespräch, das war eine feine Zeit.

Hätte ich das doch als ‚Kleiner‘ schon gewusst, dass die rechten Worte im Sprechen – im Tun – sich formen und nicht in einer bestimmten Hirnabteilung vorbereitend formuliert werden und in einer anderen Abteilung, die halt mit dem Mund zusammenhängt, ausgesprochen werden. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Hirnforschung, von Neurophysiologie oder von Psychologie. Und auch Kinder von heute müssen darüber nicht bescheid wissen. Ich frage mich, was würde ich heute einem ‚kleinen Buben‘ sagen? Vielleicht: „Ah!“ PAUSE (einfach ein wenig zuhören und ihm in die Augen schauen) Und wenn er merkt, dass es gut ist, würde er vielleicht weitersprudeln… oder einen Gedanken ausführen… oder von etwas erzählen, das ihn voll freut oder unrund macht… Und ich, wenn ich einfach da bin, würde spüren was grad dran ist und es würde sich ein Gespräch oder ein gemeinsames Schweigen entwickeln. Stimmig und so, dass man hinterher sagen würde, das war eine feine Zeit.

Und die großen Buben, die in der Politik oder die in den Unternehmen, die brauchen das im Grunde ganz ähnlich… Doch dazu ein anderes mal mehr.

Nun aber zum anfangs angekündigten kleinen Experiment: Beobachtet euch doch einmal selbst, wie ist es denn, wenn ihr mit anderen beisammen seid, in einem Gespräch, einem Meeting, vielleicht in einer Videokonferenz: Wie geht es euch dabei, was bemerkt ihr, wenn ihr dem Gegenüber Zeit gebt und Raum gebt ’sich auszudrücken‘? Was bemerkt ihr da bei euch selbst? Was bemerkt ihr eventuell beim Gegenüber? Und wie ist es dann, in der Rückschau: Welcher Art war die Qualität dieses Gespräches?

Vielleicht bemerkt ihr dieses Leise in euch, das immer da ist, das wir so selten bewusst wahrnehmen und dessen leise Kraft uns ermöglicht sinnvolle Sätze zu formen, kluge Entscheidungen zu treffen oder ein gutes Leben zu leben.

Gutes Gelingen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.