Denken an der Grenze – Wie Unsicherheit zu neuen Erkenntnissen führt

Niemand mag Unsicherheit. Sie fühlt sich unangenehm an, lässt uns zögern, bringt uns ins Straucheln. Doch was, wenn gerade diese Unsicherheit der Schlüssel zu neuen Erkenntnissen ist? Was, wenn sie uns nicht lähmt, sondern uns einlädt, jenseits des Gewohnten zu denken?

Eugene Gendlin, Philosoph und Psychologe, hat mit Thinking at the Edge (TAE) eine Methode entwickelt, die genau an der Schwelle zwischen Wissen und Nicht-Wissen ansetzt. Dort, wo wir etwas spüren, aber noch keine Worte dafür haben. Dort, wo etwas von Bedeutung in uns aufsteigt, aber noch nicht in Begriffe gefasst werden kann. Dort, wo das Denken eine neue Richtung nehmen könnte – wenn wir es zulassen.

In einer Welt, die von schnellen Antworten lebt, fällt es schwer, diesen Raum zu halten. Wir sind darauf trainiert, sofort zu benennen, zu erklären, einzuordnen. Unklare Gedanken gelten als unfertig, vage Empfindungen als unzuverlässig. Doch genau hier liegt das Paradox: Die besten Ideen entstehen nicht aus dem, was wir schon wissen, sondern aus dem, was wir noch nicht sagen können.

TAE ist ein strukturierter Prozess, der es ermöglicht, diesem noch unausgesprochenen Wissen Raum zu geben. Es beginnt mit einem Innehalten, mit dem bewussten Wahrnehmen eines „Felt Sense“, eines körperlich gespürten, aber noch nicht benennbaren Verstehens. Erst danach folgt die vorsichtige Suche nach Worten, die diesem Erleben gerecht werden. Nicht durch Begriffe, die es zu schnell festlegen, sondern durch Worte, die es weitertragen. Gendlin spricht hier von einer lebendigen Sprache, die nicht nur beschreibt, sondern das Denken weiterführt.

Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine erstaunliche Dynamik: Indem wir nicht sofort nach der vermeintlich richtigen Formulierung greifen, sondern verschiedene Begriffe ausprobieren, zeigen sich neue Muster. Die Dinge fügen sich auf ungeahnte Weise zusammen. Was zuvor unverbunden erschien, beginnt sich zu kreuzen, zu verweben, ein größeres Bild zu formen.

Diese Art zu denken, so radikal sie im ersten Moment erscheinen mag, hat weitreichende Implikationen. Für Wissenschaftlerinnen und Theoretiker, die mit Begriffen arbeiten, die es vielleicht noch gar nicht gibt. Für Führungskräfte, die in unklaren Situationen Entscheidungen treffen müssen. Für Menschen, die in einer immer komplexer werdenden Welt nach neuen Wegen suchen.

Es geht dabei nicht nur um eine Methode, sondern um eine Haltung. Eine Haltung, die sich dem vorschnellen Antworten widersetzt. Eine Haltung, die Unsicherheit nicht als Schwäche begreift, sondern als Einladung. Eine Haltung, die bereit ist, mit dem zu sein, was noch nicht klar ist – und gerade deshalb Potenzial in sich trägt.

TAE erinnert uns daran, dass der wichtigste Moment nicht der ist, in dem wir eine Antwort haben – sondern der, in dem wir spüren, dass da noch mehr ist. Dass das, was wir sagen könnten, noch nicht alles ist. Dass sich in der Stille zwischen den Worten ein Raum öffnet, in dem etwas Neues entstehen kann.

Vielleicht braucht unsere Zeit nicht weniger Unsicherheit, sondern mehr Mut, mit ihr zu sein. Denn genau dort beginnt das wirkliche Denken.

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